Halle und das Internet – Betrachtungen zum mutmaßlich ersten ausschließlich netzbasierten terroristischen Anschlag

Bericht

Nach dem antisemitischen, rassistischen Anschlag von Halle eines Rechtsextremisten wird derzeit über Konsequenzen und präventive Maßnahmen diskutiert. Über die zeitnah zwingend notwendigen zu verbessernden Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen wurde in den Medien diskutiert. Auch Sascha Lobo hat hierzu Stellung bezogen und auf eine wesentliche Besonderheit des Attentats als überwiegend netzbasiert hingewiesen.

Dazu ist einiges zu sagen, insbesondere sind die Auswirkungen auf die präventive Arbeit erheblich. In seinem Podcast analysiert Sascha Lobo die Bedeutung des Internet für den rechtsterroristischen Anschlag von Halle. Dies ist zentral für die Planung, Durchführung und kommenden Auswirkungen des Anschlags – und das in mehreren Dimensionen:

 

  1. Radikalisierung über das Internet

Dazu ist in der jüngeren Vergangenheit – zunächst im Rahmen des radikalislamischen Online-Jihadismus und seit 2016 zunehmend auch vor dem Hintergrund der Zunahme des  „durch Hetze geleiteten Rechtspopulismus“ – bereits viel geschrieben worden. An dieser Stelle soll  nicht vertieft auf die Zunahme von Hetze im Netz, abgeschlossene Filterblasen, alternative Wahrheiten und Fake News-Kampagnen eingegangen werden. Es scheint nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung festzustehen, dass bestimmte, für Radikalisierung anfällige Menschen dadurch, dass sie sich in (wie auch immer) in sich geschlossenen Foren, Filterblasen und Communities bewegen, in ihrer Radikalisierung gegenseitig verstärken.

 

  1. Livestream für ein Online-Publikum

Die ersten Reaktionen bereits auf das rechtsterroristische Massaker von Christchurch, das offensichtlich als Vorbild für das Attentat von Halle gedient hat, betonen die Analogien des Vorgehens zu Egoshootern und verbinden dies mit einer Forderung nach Verbot solcher Spiele, vor allem bei steigender Realität. Diesem weicht Lobo nicht aus und verweist darauf, dass man sich damit auseinandersetzen muss, insbesondere bei zunehmendem Einsatz von Virtual Reality.

Lobo geht aber auf einen anderen Aspekt ein: die Verbundenheit beim Livestream mit der Online-Community des Attentäters und die damit einhergehende Ausblendung der Relevanz der tatsächlichen Umgebung.

Bei Livestreams, die seit 2008 mit mobilen Geräten massentauglich wurden und die bis dahin nur über das Fernsehen funktionierten, entsteht eine Verbindung mit der Community, die tatsächliche Umgebung wird zu einer Staffage, die eigentlichen Adressaten und Kommunikationspartner werden über den Stream erreicht. Anschauliches Beispiel waren die samstagabendlichen „Wetten dass…?“-Sendungen, Hauptzielgruppe waren natürlich die Millionen Fernsehzuschauer.

Ich halte diesen Hinweis für sehr zentral, denn dadurch findet die eigentliche Tat in einer Welt statt, die durch den Internet-Bezug zu einer weniger relevanten Welt wird, möglicherweise sinkt dadurch auch die Hemmung, tatsächliche Gewalt anzuwenden. Im Rahmen der Präventionsarbeit und Deradikalisierung wäre ein solcher Aspekt von gewichtiger Bedeutung.

 

  1. Waffen aus dem 3D-Drucker

Was auf dieser Ebene das Attentat von Halle von dem in Christchurch unterscheidet, ist die Tatsache, dass sich der Attentäter Bauanleitungen für einen Großteil seiner Waffen aus dem Internet beschafft hat und diese auf einem 3D-Drucker ausdruckte und dann zusammengebaute. Zudem hat der Attentäter im Vorfeld bereits selbst solche Anleitungen im Internet verbreitet. Hinzu kommt, dass die so produzierten „Kunststoffwaffen“ von herkömmlichen Metalldetektoren nicht entdeckt werden und die häufig seltsam anmutenden Formen nicht darauf schließen lassen, dass es sich um Waffen handelt. Mit dem 3D-Drucker ist der Attentäter unabhängig von klassischen Beschaffungsmechanismen, die eine höhere Gefahr des Entdecktwerdens in sich tragen als über das Internet.

Dies ist von hoher Bedeutung für das Attentat und für zukünftige Sicherheitsstrategien gegen Terrorismus: der Attentäter hat außerhalb des Internets für die Vorbereitung seiner Tat keine Kontakte nötig gehabt. Lobo spricht von einer „technischen Vereinzelung des Täters“. Ab dem Zeitpunkt, wo dies möglich ist, verlagern sich zahlreiche Mechanismen ins weitgehend anonyme Internet – der Täter wird nicht zu einem „Einzeltäter“, aber zu einem einzeln vorgehenden Täter. Ähnliche Mechanismen z.B. des Beschaffens von Anleitungen zum Bombenbau gab es bereits vor allem durch radikalislamische Terroristen, aber in dieser Tiefe der völligen Autarkie von Kontakten außerhalb des Internets ist das neu. Die verwendete Maschinenpistole stammt aus der Ideenschmiede des britischen, mehrfach verurteilten Waffennarrs Luty, der akribische Anleitungen zum Bau von Waffen im Internet verbreitet hat. Das Attentat war zugleich also auch eine Art „Praxistest“. Mögliche „Terror-Schüler“ lernen dadurch, was (in diesem Fall glücklicherweise noch) fehlgeschlagen ist und was funktioniert hat.

 

  1. Vorbild- und Schulungsfunktion der Tat

Häufig finden terroristische Taten, Anschläge und demokratiefeindliche Taten Nachahmer. Nach dem Attentat von Christchurch gab es Angriffe mit Toten, bei denen sich die Täter direkt auf das Attentat von Christchurch bezogen. Jason Burke verwies bereits direkt nach Christchurch darauf, dass Terrorismus bereits im 19. Jahrhundert als „Propaganda per Tat“ bezeichnet wurde, dass die Gewalttat als solche nicht ausreiche, sondern weiter radikalisieren und mobilisieren soll. Das Attentat soll eine Nachricht sein, an die Feinde gerichtet und an die Unterstützer – aber auch an die, die keines von beidem sind. Ziel ist immer auch, den öffentlichen Diskurs zu verschieben, zu polarisieren, zu spalten und zu radikalisieren. Deshalb haben sowohl der Attentäter von Christchurch als auch der von Halle ein Manifest veröffentlicht: um der Nachricht weiter Nachdruck zu verschaffen und über die Tat hinaus zu wirken. Vorreiter für die digital unterstützen und kommunizierten Terrorismus und so gewonnene Unterstützerschar waren Al-Qaida und der IS, der globale Rechtsextremismus hat mit Christchurch und Halle nun aufgeholt.

 

Konsequenzen

Der Täter hat sich über das Netz radikalisiert, er hat sich Waffen über das Netz beschafft, erreicht sein Publikum und seine „Fans“ im Netz, weitere potentielle Täter lernen aus dem Netz, wie die Durchführung solcher Taten verbessert werden kann. Dies bedeutet, dass es sich um einen fast ausschließlich „netzbasierten Anschlag“, wie Lobo treffend formuliert, handelt. Mit dem Livestream entsteht zudem ein auf weitere radikalisierte Personen inspirierend wirkendes Material. Das gab es in dieser Form zuvor noch nie und anhand der Lernfähigkeit der potenziellen Terroristen ist davon auszugehen, dass das Attentat von Halle wohl leider nicht die Höchstform eines terroristischen Anschlags darstellt, sondern dass wir mit einer Weiterentwicklung und viel schlimmeren Auswirkungen rechnen müssen.

Für die künftige Auseinandersetzung mit Radikalisierung muss dies umfangreiche Auswirkungen haben: Angepasste Sicherheitskonzepte, weitergehende Ermittlungsansätze, Anpassung des Umgangs mit Unterstützern oder Begünstigern terroristischer Taten im Netz und Festlegung neuer Straftatbestände einerseits, pädagogisch-präventive Ansätze andererseits, die sich mit der Wirkung von medialen Eindrücken (hier: Livestream eines Attentats) und dem möglichen Bedeutungsverlust der tatsächlichen gegenüber der virtuellen Welt bei Jugendlichen auseinandersetzen, um der Faszination der radikalisierenden Inhalte demokratische Werte erfolgreich entgegensetzen zu können.

Nicht nur die Durchführung der Tat und die noch viel schlimmeren Absichten des Täters stellen somit eine Zäsur dar, sondern insbesondere deren Wirkung auf das extremistische Täterpotential sowie die daraus resultierende Gefährdungslage.

 

 

Weiterführende Artikel

Lobo, Sascha, „Das Attentat von Halle, das Internet und Angela Merkel“, Podcast https://soundcloud.com/user-728223693/das-attentat-von-halle-das-internet-und-angela-merkel vom 14.10.2019 

Burke, Jason, „Technology streamed the carnage to a global audience“. In: „Roots of Hate. What caused Christchurch?“, The Guardian Weekly vom 22.03.2019

Oltermann, Philip und Lois Beckett, „Germany’s Jewish leaders condemn police response to Halle attack“, https://www.theguardian.com/world/2019/oct/10/halle-attack-homemade-guns-jammed-repeatedly-video-shows vom 10.10.2019

 

Autor: Günter Bressau, Demokratiezentrum Baden-Württemberg

Bildquelle: © FangXiaNuo / iStock

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