Identifikation und politische Partizipation türkeistämmiger Zugewanderter

Bericht

Der Rücktritt des Fußballstars Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hat zu einer teils sehr emotionalen öffentlichen Debatte über die Integration türkischstämmiger Menschen und ihre Verbundenheit zu Deutschland geführt. Eine im Juli 2018 erschienene Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung hat genau diese Fragen untersucht.

Inhalte – Gegenstand der Studie

Die jährliche ZfTI Mehrthemenbefragung erfasst das Stimmungsbild von Bürgerinnen und Bürgern türkischer Herkunft, ihre Wahrnehmung von Problemen und ihre sich daraus ergebenden Erwartungen an Deutschland. Die Erhebungen werden immer in der gleichen Form durchgeführt, die Daten können so als Zeitreihen aufbereitet werden. Im Fokus der aktuellen Erhebung 2017 standen „Identität und politische Orientierungen im (Spannungs-)Feld Deutschland und Türkei“.

Seit 2010 nehmen unter den türkeistämmigen Menschen in Deutschland die Identifikation und ein alleiniges Verbundenheitsgefühl mit der Türkei zu, die alleinige Verbundenheit mit Deutschland nimmt dagegen ab. Dennoch fühlen sich die meisten Türkeistämmigen nach wie vor beiden Ländern verbunden. Knapp 60 Prozent der in der aktuellen Erhebung 2017 in ganz Deutschland Befragten stimmten der Aussage „Ich fühle mich in Deutschland zuhause“ voll und ganz zu, gut 30 Prozent stimmten teilweise zu und nur etwas mehr als 10 Prozent verneinten diese Aussage.

Eine zunehmende Verschiebung des Zugehörigkeitsgefühls von Deutschland zur Türkei ist eher bei Angehörigen der Nachfolgegenerationen als bei den Zugewanderten der ersten Generation zu verzeichnen. Das Empfinden einer eigenen „Andersartigkeit“ ist bei den Nachfolgegenerationen deutlich gewachsen, was für sie zu mehr Widersprüchen führt als bei der ersten Generation. Vor allem die gut integrierten und hochgebildeten Befragten der 3. Generation haben die Gleichheitsgrundsätze in Deutschland und ihren daraus resultierenden Anspruch auf gleiche Behandlung und dieselben Rechte wie die Herkunftsdeutschen verinnerlicht. Sie nehmen deshalb gesellschaftliche Diskriminierung und verweigerte Zugehörigkeit sensibler wahr als ihre Eltern und Großeltern. Die Erfahrung, trotz langer Bemühungen zur Integration nicht Teil der Gesellschaft geworden zu sein, kann bei ihnen Ursache einer Abwendung von der Mehrheitsgesellschaft werden.

Als Folgerung empfiehlt die Studie deshalb mehr Akzeptanz und Anerkennung der bikulturellen oder transnationalen Orientierung von Zugewanderten, statt deren Bewertung als Merkmal fehlender Loyalität zu Deutschland. Auch auf einen „Zwang zur Eindeutigkeit“, wie ihn beispielsweise die Einbürgerung verlangt, sollte verzichtet werden. „Die besondere Position der Zugewanderten und ihre Andersartigkeit sollten nicht verhindern, sie als selbstverständlichen Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu begreifen, wodurch auch für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Optionen geschaffen würden, Patriotismus in Bezug auf das Aufnahmeland zu entwickeln.“

Befragte und Datenquellen

Für die Mehrthemenbefragung 2017 wurden computergestützte Telefoninterviews mit 1.000 türkeistämmigen Personen aus Nordrhein-Westfalen und mit weiteren 1.000 türkeistämmigen Personen aus den anderen 15 Bundesländern durchgeführt. Die Befragten waren mindestens 18 Jahre alt und wurden jeweils repräsentativ für die türkeistämmige Gesamtbevölkerung ausgewählt. Die Interviews wurden zweisprachig geführt.

Die NRW-Mehrthemenbefragung des ZfTI wurde bereits 1999 bis 2013 jährlich und seitdem im Zwei-Jahres Rhythmus durchgeführt. Eine zusätzliche Befragung von Personen aus den anderen Bundesländern fand auch 2008 statt. Aufgrund der sehr geringen Unterschiede der Ergebnisse für NRW und Gesamtdeutschland geht das ZfTI davon aus, „dass Erkenntnisse auf Basis der NRW-Daten auch bundesweit übertragen werden können“.

Erscheinungsdatum: Juli 2018

Herausgeber/Auftraggeber: Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) in Kooperation mit dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI)

Autorin: Martina Sauer

Durchführung: Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung

Bezug (online/offline): http://zfti.de/wp-content/uploads/2018/07/Bericht-2017-NRW-Mehrtehemenbefragung_end.pdf (Aufruf: 27.07.2018)

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