… Julia Heim vom Innovationsprojekt „maybe tomorrow – Demokratie ist (k)eine Utopie!“ der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg
In unserer Rubrik „Vier Fragen an …“ stellen Träger und Partner des Demokratiezentrums Baden-Württemberg ihre Arbeit vor. In dieser Ausgabe: Julia Heim vom Innovationsprojekt „maybe tomorrow -Demokratie ist (k)eine Utopie!“.
DZBW: Frau Heim, welche Ziele verfolgt das Innovationsprojekt „maybe tomorrow“?
Das Innovationsprojekt „maybe tomorrow“ möchte die Utopiefähigkeit junger Menschen als zentrale Kompetenz zur Prävention von Demokratieskepsis und zur Förderung von Demokratiekompetenz stärken. Statt defizitorientierter Präventionslogik setzt das Projekt auf positive Zukunftsnarrative, Gegenerzählungen und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten für Jugendliche und junge Erwachsene.
Konkret geht es um folgendes: Utopiefähigkeit und Demokratiekompetenz zu stärken – als Prävention von Demokratieskepsis und für aktive Mitgestaltung. Utopiewerkstätten umzusetzen: Jugendliche entwickeln mit Trainer*innen/Fachkräften/Multiplikator*innen Zukunftsvisionen und innovative Demokratietools. Positive Zukunftsnarrative und Gegenerzählungen zu fördern – es könnte alles auch ganz anders sein, aber wie wäre es dann? Resilienz, Ambiguitätstoleranz und Selbstwirksamkeit aufbauen – konstruktiver Umgang mit Unsicherheit und Herausforderungen. Interdisziplinäre, künstlerische Zugänge nutzen und Vernetzung mit lokalen Partnern stärken.
DZBW: Wie lassen sich Zukunftspessimismus und Politikverdrossenheit bei Jugendlichen in Gestaltungsfreude verwandeln?
Wir verstehen unseren Ansatz als prozesshafte Strategie und bewusstes Experiment. Mit einem Bildungsprojekt allein lässt sich Zukunftspessimismus nur schwer begegnen. Aber wir können Räume eröffnen, in denen Gestaltungsfreude durch kreative Utopiewerkstätten, reflexive Partizipationsprozesse und dem Erforschen von utopischer Praxis erlebbar wird. Unser Ziel ist vor allem, Anstöße bei einzelnen Jugendlichen zu setzen und zugleich Bausteine einer Zukunftspädagogik bzw. utopischen Didaktik zu entwickeln, die auch in Institutionen anschlussfähig und nutzbar ist.
Politikverdrossenheit versuchen wir durch eine Erweiterung des Politikbegriffs zu begegnen und Jugendliche dafür zu sensibilisieren, dass Vertrauen in demokratische Prozesse bei uns im Privaten und Alltäglichen beginnt.
Wir machen sichtbar, wo demokratisches Miteinander in Beziehungen, Konflikten, Aushandlungen und Entscheidungen ihres Alltags bereits stattfindet und stärken ihre Handlungsfähigkeit in diesen Bereichen.
DZBW: Was passiert in Utopiewerkstätten, in denen Jugendliche ihre eigenen Ideen für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft entwickeln?
In den Utopiewerkstätten entwickeln Jugendliche ihre eigenen Ideen für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft – aber nicht nach einem starren Standardprogramm. Jede Werkstatt wird von unseren Trainer*innen gemeinsam mit den jeweiligen Einrichtungen entwickelt und auf die Gegebenheiten vor Ort und an Zielgruppe, Rahmenbedingungen und Themen angepasst. Dadurch sind die Werkstätten interdisziplinär und methodisch sehr vielfältig. Mal steht die Arbeit an eigenen Ressourcen, persönlichen Zukunftsbildern und Utopien im Mittelpunkt, aus denen anschließend kleine Projekte entstehen, die gemeinsam in die Umsetzung gebracht werden (z. B. in der Werkstattphase am BAZ Esslingen mit sechs Terminen ab Ende Januar). In anderen Werkstätten werden ganz praktische Formate entwickelt und erprobt. Etwa ein offenes Sportangebot, das mit Gesprächsformaten kombiniert wird, oder eine Werkstattphase im Württembergischen Kunstverein, die sich mit Utopie und Kunst(institutionen), Zugängen sowie kritischen Perspektiven darauf auseinandersetzt.
DZBW: Wie helfen kreative Methoden und neue Demokratietools dabei, Selbstwirksamkeit und Beteiligung junger Menschen zu stärken?
Unser Anliegen ist es, Jugendlichen zu vermitteln, dass ihre Perspektiven auf politische Themen und Zukunft wichtig sind – und dass sie auch dann ernst genommen werden, wenn sie nicht im üblichen Politjargon formuliert sind. Utopisch zu denken und Alternativen zur Gegenwart zu entwerfen ist nicht selbstverständlich. Bislang gibt es kaum Lernräume, die genau diese Fähigkeit gezielt fördern.
Deshalb streben wir die Etablierung eines offenen Raums des Imaginierens an: einen Rahmen, in dem Jugendliche sich erlauben, (wieder wie beim kindlichen Träumen) ohne Begrenzung zu denken, Möglichkeiten auszuprobieren und Welten zu entwerfen, die es so noch nicht gibt. Durch die Entwicklung eines utopischen Mindsets – mithilfe von Körper- und Assoziationsübungen, Imaginationsreisen und Design-Methoden – werden Inspiration und Potenziale aktiviert, Ambivalenzen dürfen ausgehalten werden und Visionen werden konkret vorstellbar.
Aus diesem utopischen Mindset heraus entstehen schließlich gemeinsam entwickelte Demokratietools, die Ideen in machbare Schritte übersetzen und bei ausreichend zeitlichen Ressourcen sogar Umsetzung finden.
So erleben Jugendliche schnell Wirkung, treffen echte Entscheidungen und entwickeln Vertrauen, dass Beteiligung im Alltag – und darüber hinaus – tatsächlich etwas verändern kann.
Kontakt:
Julia Heim, Tosca Siebler
E-Mail: maybetomorrow@tgbw.de