… an die Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX)
In unserer Rubrik „Vier Fragen an …“ stellen Träger und Partner des Demokratiezentrums Baden-Württemberg ihre Arbeit vor. In dieser Ausgabe: Die Fachstelle Extremismusdistanzierung, kurz: FEX. FEX hilft Fachkräften aus Bildung, Sozialarbeit, Polizei und Justiz extremistische Tendenzen früh zu erkennen, richtig einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren. Ziel der direkten Beratung ist es, Betroffene in bestehende Strukturen wie Jugendhilfe oder Sozialarbeit einzubinden.
DZBW: Warum sind manche Jugendliche anfällig für radikale Ideologien?
FEX: Radikale Ideologien bieten scheinbar einfache Antworten auf schwierige Lebensfragen. Viele Jugendliche suchen nach Orientierung, Zugehörigkeit oder nach einem Gefühl von Kontrolle – gerade, wenn sie persönliche Krisen erleben, Ausgrenzung erfahren oder das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen verlieren. Extremistische Gruppen nutzen genau diese Momente und knüpfen an vier zentrale Erfahrungen an: Kontrollverlust, fehlende Zugehörigkeit, Vernachlässigung von Bedürfnissen nach Nähe und Körperlichkeit – und ein Mangel an Sinn im eigenen Leben.
Radikalisierung ist oft ein Versuch, mit solchen inneren Lücken umzugehen – nicht selten verbunden mit der Vorstellung, „endlich gehört zu werden“. Unsere Aufgabe ist es, diese Prozesse früh zu erkennen, zu verstehen – und Wege zu eröffnen, wie Jugendliche aus solchen Dynamiken wieder herausfinden können, bevor Gewalt oder Ausgrenzung daraus werden.
DZBW: Wie sieht die Arbeit konkret aus?
FEX: Unsere Arbeit beginnt da, wo Unsicherheit entsteht: Wenn sich Lehrkräfte, Sozialarbeitende oder Behörden fragen, wie sie mit bestimmten Aussagen, Verhaltensweisen oder Gruppen umgehen sollen. Wir sind dann ansprechbar – telefonisch, per Mail oder vor Ort.
Wir bieten standardisierte Workshop-Formate an, die praxiserprobt sind und Fachkräfte wie Jugendliche gezielt unterstützen – inklusive begleitender Materialien und Medienpakete. Gleichzeitig ist unser Anspruch, mit den Anfragenden gemeinsam zu klären, was im konkreten Fall wirklich gebraucht wird. Manchmal ist ein Workshop ein guter Einstieg, manchmal braucht es andere Formate – etwa interne Fallberatung, kollegiale Beratung oder eine längerfristige Begleitung.
Gerade in der Lebensphase Jugend erleben wir häufig keine eindeutigen Szenezugehörigkeiten, sondern vielfältige, mitunter widersprüchliche Lebensrealitäten. Jugendliche bewegen sich zwischen unterschiedlichen Milieus, digitalen Räumen und sozialen Kontexten – oft ohne feste ideologische Verortung. Deshalb setzen wir auf passgenaue Entscheidungen, die mehrere Perspektiven zusammenbringen: politische Bildung, Soziale Arbeit, Schulpsychologie oder polizeiliche Prävention – je nach Fall. Unsere Beratung hilft dabei, die richtige Tür zu öffnen. Nicht irgendeine.
DZBW: FEX arbeitet seit zehn Jahren in der Extremismusprävention. Welche Ansätze haben sich bewährt? Welche nicht? Welche neuen Herausforderungen gibt es?
FEX: Zehn Jahre Fachpraxis bedeuten nicht nur Erfahrung – sondern auch Verantwortung, Entwicklungen im Blick zu behalten. Bewährt haben sich vor allem dialogische Formate, die Jugendliche und Fachkräfte ernst nehmen und stärken. Unser Ziel ist nie nur „Information“, sondern immer auch ein Verstehen der dahinterliegenden Dynamiken – warum Menschen sich abwenden, warum sie radikal denken oder handeln wollen.
Was sich nicht bewährt, sind pauschale Schuldzuschreibungen oder schnelle Lösungen. Wer nur auf Symptome reagiert, übersieht oft die Ursachen. Deshalb sprechen wir in unseren Workshops auch über Sprache, über Alltagsbilder, über das, was Radikalisierung vorbereitet, lange bevor sie sichtbar wird – etwa durch Feindbilder oder das sprachliche Einüben von Gewalt.
Neue Herausforderungen entstehen vor allem im digitalen Raum: Online-Radikalisierung ist nicht immer laut – sie ist oft flüchtig, schnell, beiläufig. Hier braucht es neue Formate, neue Kompetenzen – und mutige Allianzen zwischen Fachpraxis, Technik und politischer Bildung. Unsere Stärke liegt darin, solche Allianzen zu moderieren.
DZBW: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, etwa Polizei, Verfassungsschutz, Schulen oder Gemeinden?
FEX: Prävention ist kein Einzelkampf. Man könnte auch sagen: Prävention ist wie Tanzen. Verschiedene Professionen – Schule, Polizei, Sozialarbeit, Justiz – haben ihre eigenen Tanzbereiche und Tanzstile. Je nachdem, welche Musik gespielt wird, braucht es andere Partner:innen – und ein Bewusstsein dafür, wer wann welchen Schritt macht, wo sich Wege berühren, und wo klare Grenzen verlaufen.
Entscheidend ist dabei: Jede Perspektive ist notwendig. Die Aufgabe besteht nicht darin, sich gegenseitig zu ersetzen, sondern ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Genau das ist unsere Rolle: vermitteln, verbinden, begleiten.
FEX kann dabei auf zehn Jahre kontinuierliche Beratungspraxis zurückblicken – mit einem stabilen Team, verlässlichen Partner:innen und einem gewachsenen Netzwerk. Diese Kontinuität schafft Vertrauen – und genau das ist oft die Grundlage für gute Prävention: nicht spektakulär, sondern beständig. Nicht laut, sondern wirksam.
Kontakt:
Fachstelle Extremismusdistanzierung
info@fexbw.de
0800 2016 112
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