… Harald Maas von der Partnerschaft für Demokratie Göppingen
In unserer Rubrik „Vier Fragen an …“ stellen Träger und Partner des Demokratiezentrums Baden-Württemberg ihre Arbeit vor. In dieser Ausgabe: Harald Maas von der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen.
DZBW: Herr Maas, Sie sind die Bereichsleitung für Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit in der Region Ulm/Ostwürttemberg der Bruderhaus Diakonie und verantworten die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen. Welche Herausforderungen prägen Ihre Arbeit derzeit?
Maas: Zum einen beschäftigt uns natürlich die Anfang 2025 gestartete neue Förderperiode des Bundesprogramms mit den administrativen Änderungen, die diese mitgebracht hat. Und zum anderen wollen wir natürlich auch dem großen praktischen Bedarf in diesem Themenfeld gerecht werden. Wir haben eine riesige Nachfrage an fachlicher Beratung und Expertise rund um die Themen Extremismusprävention und Demokratieförderung, bekommen ganz viele Projektideen und Fragen rund um die Projektförderung und auch Kooperationsanfragen. Das Thema brennt vielen Menschen unter den Nägeln.
Wenn Sie mich als Bereichsleitung in der Jugend(-sozial)arbeit fragen: Eine der großen Herausforderungen der nächsten Zeit wird schon sein, wie sich dieser Bereich – ja unser ganzes Sozialsystem – vor dem Hintergrund knapper werdender Mittel der öffentlichen Haushalte entwickeln wird. Und ich erwähne das vor allem deswegen, weil ich auch einen starken Zusammenhang zum Thema Demokratie sehe. Ich habe die große Befürchtung, dass hier die nächste große Zerreißprobe für unsere demokratische Gesellschaft auf uns zukommt. Es gibt sehr eindeutige Studien, die z.B. bei Jugendlichen den Zusammenhang zwischen individueller Vereinsamung und extremistischen Tendenzen herstellen. Ein Kahlschlag im Bereich der Jugendhilfe hätte fatale Folgen.
DZBW: Seit fast 20 Jahren begleiten Sie die diversen Bundesprogramme zur Demokratieförderung; seit zehn sind Sie für die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Göppingen zuständig. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Maas: Ich glaube, dass wir vor zehn bis 15 Jahren noch wesentlich mehr über lokale Problemlagen gesprochen haben. In Göppingen zum Beispiel über zwar kleine, aber nicht minder gefährliche rechtsextremistische Gruppierungen mit durchaus großen Auswirkungen auf das gesellschaftliche und politische Klima in der Stadt. Heute reden wir viel mehr über überregionale, ja globale Entwicklungen und Krisen und das, was sie mit unserer Gesellschaft insgesamt machen. Damals wie heute gilt aber, dass wir nicht nur reagieren dürfen, sondern proaktiv eine Strategie brauchen: Wie gestalten wir eine Gesellschaft in Vielfalt auf der Basis gemeinsam geteilter Werte? Wie schaffen wir es, Menschen für Demokratie zu begeistern und zum Mitmachen anzuregen? Und wie halten wir die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Wachsamkeit hoch, wenn unsere demokratische Gesellschaft und unsere gemeinsamen Werte in Frage gestellt werden und gefährdet sind?
Positiv verändert hat sich übrigens das öffentliche Bewusstsein und Engagement für Demokratie: Je schneller eine Krise der nächsten folgt und je vehementer versucht wird, demokratie- und menschenfeindliche Narrative zu normalisieren, umso aktiver wird auch die Zivilgesellschaft quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Das macht schon auch Mut.
DZBW: Worauf sind Sie besonders stolz?
Maas: Das ist einfach! Wir haben Ende 2024 einmal ausgewertet, was im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen seit 2015 alles umgesetzt wurde. Dabei sind bemerkenswerte Zahlen herausgekommen. In fast 200 Projekten und Einzelmaßnahmen wurden über 35.000 Menschen erreicht. Und das – meiner Meinung nach die wichtigste Zahl – von 54 unterschiedlichen Projektträgerinnen und -trägern aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Das zeigt wie breit aufgestellt und vielfältig das Netzwerk rund um das Thema Demokratie in Göppingen ist. Und es wird beständig immer größer. Darauf bin ich schon stolz – aber was noch viel wichtiger ist: Es zeigt, dass die Arbeit der Partnerschaften für Demokratien wirkt und Früchte trägt und für die Zukunft gut aufgestellt ist.
DZBW: Sie sind auch Sprecher der 25 Partnerschaften für Demokratie in Baden-Württemberg. Welchen Wunsch, welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Maas: Ich weiß, dass ich für wahrscheinlich alle Kolleginnen und Kollegen in den Partnerschaften spreche, wenn ich mir vor allem mehr Kontinuität, Verlässlichkeit und Planbarkeit in den Finanzierungsstrukturen der Partnerschaften für Demokratie wünsche. Uns wurde zwar eine achtjährige Förderperiode in Aussicht gestellt und daranhält – nach allem, was wir hören – auch die neue Bundesregierung fest. Das zeigt, wie wichtig das Thema auch politisch gesehen wird und wieviel Wertschätzung der Arbeit im Bundesprogramm entgegengebracht wird. Aber praktisch haben wir halt doch wieder jährliche Antragsfristen und keinerlei Gewissheit, dass es die Partnerschaften am 01.01.2026 noch gibt. Manche Kollegin und mancher Kollege in den Koordinierungs- und Fachstellen setzt sich gerade damit auseinander, dass sie oder er sich zeitnah wird arbeitssuchend melden müssen, weil es aktuell weder verlässliche Fristen für die Antragsstellung gibt, geschweige denn einen Zeitplan, wann mit einer Förderzusage durch den Bund zu rechnen ist. In diesem Zusammenhang würde wir uns natürlich auch darüber freuen, wenn das Land über die Arbeit des DZBW hinaus, noch stärker in die Demokratieförderung investiert.
Kontakt: Die 25 kommunalen Partnerschaften für Demokratie in Baden-Württemberg finden Sie hier.