Neun junge Menschen halten sich aneinander und sind von hinten fotografiert
 

Liebe Leserin, lieber Leser,

im aktuellen Newsletter des Demokratiezentrums Baden-Württemberg möchten wir Ihnen neue Publikationen, Projekte und Veranstaltungen empfehlen, die sich mit den Themen Demokratieförderung und Extremismusprävention befassen.

Mehr über das Demokratiezentrum erfahren Sie auf unserer Website.

Haben Sie Ideen, Kommentare und Anregungen für diesen Newsletter? Wir freuen uns über Rückmeldungen an info@demokratiezentrum-bw.de.

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und einen gelungenen Start nach den Sommerferien!

Ihre Landeskoordinierungsstelle des Demokratiezentrums Baden-Württemberg

 

NEUES AUS DEM DEMOKRATIEZENTRUM

Rechtsextreme Vorfälle an Schulen nehmen zu

Hitlergruß, Hakenkreuze, Schmierereien: An Schulen in Baden-Württemberg häufen sich rechtsextrem motivierte Vorfälle. Das geht aus der Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage der SPD hervor. Seit 2018 müssen Schulen antisemitische sowie religiös oder ethnisch diskriminierende Vorfälle melden. Bis Ende Juli dieses Jahres zählte das Ministerium 52 Fälle mit rechtsextremen Hintergrund– fast so viele wie im gesamten Jahr 2022 mit 53 Fällen.

Die Vorfälle reichen vom Zeigen des in Deutschland strafbaren Hitlergrußes über nationalsozialistische Symbole bis zu Schmierereien. Besonders häufig treten sie an weiterführenden Schulen auf, wie das Kultusministerium erklärte. Seit 2023 wurden zudem fünf Fälle an Grundschulen und einem Kindergarten gemeldet.

„Die rechtsextreme Szene in Baden-Württemberg wächst – und das teils mit sehr jungen Akteuren“, heißt es weiter. Viele von ihnen sind noch schulpflichtig. So hetzte die rechtsextreme Identitäre Bewegung in Ulm und Stuttgart mit Flyern Kinder und Jugendliche gegen Lehrkräfte auf. Im Juli verteilten Aktivisten der „Nationalrevolutionären Jugend“ (NRJ) Flugblätter an Schüler im Rems-Murr-Kreis. Die NRJ gilt als Jugendorganisation der neonazistischen Kleinpartei „Der III. Weg“.

Laut Verfassungsschutz entstehen immer mehr rechtsextreme Gruppen. Jugendliche und junge Erwachsene vernetzen und radikalisieren sich oft zunächst in sozialen Medien. Viele dieser Gruppierungen stuft der Verfassungsschutz als neonazistisch ein.

Die Fach- und Beratungsstellen des Demokratiezentrums unterstützen Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte sowie pädagogische Fachkräfte bei rechtsextremen, rassistischen und diskriminierenden Vorfällen im Schulalltag. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und erfolgt bei Bedarf vor Ort.

 

MOBILE BERATUNG GEGEN RECHTSEXTREMISMUS

Aufbau beendet – Beratungsteams sind im Einsatz

Seit dem 1. Januar 2025 leitet die Fachstelle mobirex – Monitoring | Beratung | Information zur extremen Rechten und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) die Mobile Beratung in Baden-Württemberg. Die Aufbauphase ist abgeschlossen. In jedem der vier Regierungsbezirke im Südwesten arbeitet ein Mobiles Beratungsteam.

Die Mobile Beratung unterstützt alle, die sich aktiv gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, LSBTIQ*-Feindlichkeit, Antifeminismus und Verschwörungserzählungen einsetzen und die demokratische Alltagskultur stärken möchten. Die Beratung ist vertraulich, orientiert sich an den Bedürfnissen der Ratsuchenden, ist kostenfrei und findet vor Ort statt.

Die zentrale Monitoring- und Informationsstelle analysiert extrem rechte und menschenfeindliche Vorfälle, Symbole und Akteure. Sie stellt Hintergrundwissen bereit und bietet Vorträge an.

Die Monitoring- und Informationsstelle und die Beratungsteams sind wie folgt erreichbar:

Monitoring- und Informationsstelle

Zuständigkeit: Landesweit

Telefon: 0711 – 89 69 15 – 05

E-Mail: mobirex@lago-bw.de

 

Mobiles Beratungsteam Nordwest

Zuständigkeit: Regierungsbezirk Karlsruhe

Telefon: 0711 – 89 69 15 – 06

E-Mail: mbtbw-nordwest@mobirex.de

 

Mobiles Beratungsteam Nordost

Zuständigkeit: Regierungsbezirk Stuttgart

Telefon: 0711 – 89 69 15 – 07

E-Mail: mbtbw-nordost@mobirex.de

 

Mobiles Beratungsteam Südwest

Zuständigkeit: Regierungsbezirk Freiburg

Telefon: 0711 – 89 69 15 – 08

E-Mail: mbtbw-suedwest@mobirex.de

 

Mobiles Beratungsteam Südost

Zuständigkeit: Regierungsbezirk Tübingen

Telefon: 0711 – 89 69 15 -09

E-Mail: mbtbw-suedost@mobirex.de

 

LANDESDEMOKRATIEKONFERENZ 2025

Demokratie online – Wie soziale Medien unsere Debatten verändern

„Demokratie online – Wie soziale Medien unsere Debatten verändern“ ist der Titel der Landesdemokratiekonferenz am Mittwoch, 22. Oktober 2025, in Stuttgart. Möchten Sie teilnehmen, haben aber kein Save-the-Date erhalten? Schreiben Sie uns einfach eine E-Mail an info@demokratiezentrum-bw.de. Wir nehmen Sie gerne in unseren Verteiler auf.

Was Sie erwartet:  

Prof. Dr. Frank Brettschneider ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Unter seiner Leitung führt das Meinungsforschungsinstitut forsa jährlich eine repräsentative Umfrage zum Demokratie-Verständnis der Bevölkerung in Deutschland und in Baden-Württemberg durch. Auf der Landesdemokratiekonferenz stehen die aktuellen Ergebnisse des „Demokratie Monitoring 2025 Baden-Württemberg“, Zusammenhänge zur Mediennutzung und die Konsequenzen für die Demokratieförderung im Mittelpunkt seiner Keynote.

Giulia Fioriti ist eine der Gründerinnen der politischen Social-Media-Beratung mecoa Mediencoaching. Seit 2019 hat die parteiunabhängige Agentur aus Baden-Württemberg mehr als 500 Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf allen politischen Ebenen begleitet. Ihr Ziel: die Demokratie stärken, Vorurteile abbauen und Missverständnisse klären. Auf der Landesdemokratiekonferenz erläutert Giulia Fioriti, warum soziale Medien für die Demokratie wichtig sind und gibt praktische Tipps für überzeugende und reichweitenstarke Inhalte.

Timo Büchner studierte Politische Wissenschaften und Jüdische Studien in Heidelberg. Er recherchiert seit Jahren zur extremen Rechten und zum Reichsbürger-Milieu in Baden-Württemberg. Seine Recherchen veröffentlicht er in zahlreichen Medien. Zuletzt erschien sein Buch „Reichsbürger im Südwesten. Die Akte Ingo K. aus Bobstadt“ (2024). Auf der Landesdemokratiekonferenz spricht er über die Identitären in Baden-Württemberg und deren Kommunikation in den sozialen Medien.

Jakob Grasser und Dr. Tim Schumacher sind Mobile Berater der Fachstelle mobirex im Demokratiezentrum Baden-Württemberg. Sie beraten und begleiten alle, die aktiv gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Verschwörungserzählungen vorgehen und die demokratische Alltagskultur nachhaltig stärken wollen. Die Fachstelle mobirex ist landesweit tätig: In jedem Regierungsbezirk gibt es ein Mobiles Beratungsteam, ergänzt durch eine zentrale Monitoring- und Informationsstelle. In einem Workshop erläutern die Referenten die Arbeit von mobirex und der Mobilen Beratung.

Julia Rauth vom Innovationsprojekt Digital Streetwork Stuttgart in Trägerschaft der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft stellt den interaktiven Workshop „Einsamkeit, Social Media und die Gefahr der Radikalisierung“ vor. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube prägen den Alltag Jugendlicher. Doch statt Verbindung erleben viele dort Einsamkeit, Druck und Ausgrenzung. Wer sich online verloren fühlt, gerät leichter in extremistische Filterblasen. Der Vortrag zeigt, wie Social Media zur Radikalisierungsfalle werden kann – und was Prävention leisten muss.

Selbstverständlich haben wir für das Kennenlernen und den Austausch auch in diesem Jahr ausreichend Zeit eingeplant. Unser Speed-Dating sorgt dafür, dass Sie mit vielen Menschen ins Gespräch kommen.

 

NEWS AUS DEM BUNDESPROGRAMM

Neun Millionen Euro mehr für „Demokratie leben!“

Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ soll mit zusätzlichen Mitteln gestärkt werden. Im Entwurf für den Bundeshaushalt 2026 sind 191 Millionen Euro vorgesehen – neun Millionen mehr als 2025.

Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) erklärte laut Medienberichten, die Erhöhung sei Teil einer „Umstrukturierung des Programms“: „Der Betrag soll das Programm nach der im Koalitionsvertrag vereinbarten Evaluation und Wirksamkeitsprüfung inhaltlich und strukturell neu ausrichten. “

Im Koalitionsvertrag heißt es, das Programm werde „unabhängig auf Zielerreichung und Wirkung überprüft“. Auf Grundlage der Ergebnisse wolle man „weitere Maßnahmen für rechtssichere, altersunabhängige Arbeit gegen Extremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit prüfen“.

Nach Medienberichten soll sich das Programm künftig stärker auf die Themenbereiche politischer Islamismus und Antisemitismus konzentrieren. Das habe das Ministerium mehreren Unionsabgeordneten in einer Nachricht in einer Chatgruppe mitgeteilt. Zudem wolle das Ministerium stärker Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen in die Programme einbeziehen und die digitale Extremismusprävention ausbauen. Auch die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden und der wissenschaftlichen Extremismusforschung solle verbessert werden.

 

DEMOKRATIEZENTRUM VOR ORT   

Workshop Verweisberatung Verschwörungsdenken

Das bundesweite Vorhaben „Verweisberatung Verschwörungsdenken: Weiterentwicklung der Prävention von sowie Beratung zu Verschwörungsdenken in Zusammenhang mit extremistischen Einstellungen“, das in einem Trägerverbund im Auftrag von BMBFSJF und BMI umgesetzt wird, lädt am Mittwoch, 1. Oktober 2025, 10 bis 15 Uhr, zu einem Präsenz-Workshop in Stuttgart ein. Ziel ist es, Handlungsmöglichkeiten und Bedarfe im Arbeitsfeld Verschwörungsdenken kennenzulernen und zu reflektieren.

Der Trägerverbund besteht aus dem Violence Prevention Network, der Amadeu Antonio Stiftung und modus | – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung. Anmeldungen sind hier möglich; Ansprechpartner ist Benjamin Winkler, Tel. 0151 – 420 601 26.  Der Ort wird nach der Anmeldung bekannt gegeben.


Die Macht der Prävention

„Wenn nichts passiert, war’s erfolgreich!? – Die stille Macht der Prävention“ ist der Titel des 16. Karlsruher Präventionstags. Er findet am 14.Oktober 2025, 9.30 bis 13 Uhr, im Tollhaus in Karlsruhe statt. Am Nachmittag gibt es die Möglichkeit an Workshops teilzunehmen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Hier sind weitere Informationen zu finden.


FEX feiert Jubiläum

Seit 2015 unterstützt die Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX) im Demokratiezentrum pädagogische Fachkräfte und zivilgesellschaftliche Träger im Umgang mit Radikalisierungsprozessen. Am 15. Oktober von 19 bis 21 Uhr feiert FEX das Jubiläum im Stuttgarter Haus der Wirtschaft mit einem abwechslungsreichen Programm. Mehr Informationen zum Programm gibt es hier.


Was tun gegen Hassrede und Desinformation?

Wie begegnen Unternehmen Hassrede, Desinformation und demokratiefeindlichen Tendenzen in ihren Communitys? Steven Urry, Gründer der Agentur ALONDRA Social, spricht am 22. Oktober von 12.30 bis 14.00 Uhr in einer Online-Veranstaltung der Fachstelle FEX über die Rolle eines professionellen Community Managements. Zur Anmeldung geht es hier .


Die Netzwerke der türkischen extremen Rechten

Dr. Ismail Küpeli spricht am 29. Oktober von 12.30 bis 14.00 Uhr in einer Onlineveranstaltung der Fachstelle Extremismusdistanzierung über den türkischen Rechtsextremismus in Deutschland. Er schildert die Geschichte, Ideologie, Akteure und Netzwerke der türkischen extremen Rechten hierzulande. Die Anmeldung ist hier möglich.


An der Seite von Betroffenen rechter Gewalt

„An der Seite von Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“. Das ist der Titel eines Workshops, den die Fach- und Beratungsstelle LEUCHTLINIE am 31. Oktober, 9 bis 16 Uhr, im Stadthaus N1, Raum 52/53, 68161 Mannheim, anbietet.

Der Workshop richtet sich an Sozialarbeitende, Integrations- und Migrationsbeauftragte, Lehrkräfte sowie alle, die mit Menschen arbeiten, die von rechter Gewalt betroffen sein könnten. LEUCHTLINIE organisiert die kostenfreie Veranstaltung gemeinsam mit der Koordinierungsstelle Mannheimer Bündnis (Partnerschaft für Demokratie Mannheim). Anmeldungen sind bis zum 30. September per E-Mail an kontakt@leuchtlinie.de möglich.


Fußball als demokratiestärkender Lernort

„Ronaldo mag keine Juden. Fußball als demokratiestärkender Lernort für Jugendliche und junge Erwachsene in der postnationalsozialistischen Gesellschaft der Vielen“ ist das Thema eines Online-Vortrags von David Berchem am 27. November, 12.30 bis 14.00 Uhr, bei der Fachstelle Extremismusdistanzierung. Weitere Informationen sind hier zu finden.

 

ÜBER DEN TELLERRAND

Baden-Württemberg stärkt den Opferschutz

Das Land hat mit den Krankenkassen sowie den Gewaltambulanzen der Universitätskliniken Freiburg und Ulm neue Verträge zur Kostenübernahme bei der verfahrensunabhängigen Beweissicherung geschlossen. Damit stärkt Baden-Württemberg das Angebot der Spurensicherung und verbessert den Schutz von Gewaltopfern. Die verfahrensunabhängige Spurensicherung ermöglicht es Betroffenen, Beweise zu sichern, ohne sofort über eine Strafanzeige entscheiden zu müssen. Eine Anzeige bleibt auch später möglich.

In Baden-Württemberg bieten vier Gewaltambulanzen die verfahrensunabhängige Spurensicherung an: an den Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg und Ulm sowie seit Ende 2023 in Stuttgart, einer Außenstelle des Uniklinikums Heidelberg. Das Angebot steht allen Menschen offen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder finanzieller Lage. Es richtet sich an Personen, die nach Gewalttaten oder Unfällen Verletzungen erlitten haben oder bei denen Spuren zur Klärung beitragen können.

Die ausführliche Pressemitteilung gibt es hier.


Meldestelle Antifeminismus verzeichnet 2024 mehr als 500 Vorfälle

Die Meldestelle Antifeminismus zählte im vergangenen Jahr 558 Vorfälle mit antifeministischem und queerfeindlichem Hintergrund. Das geht aus ihrem Jahresbericht hervor. Die Taten reichten von Körperverletzungen über Hasskampagnen bis zu Brandstiftungen. 59 Fälle trafen Organisationen, die feministische, queere Themen oder Gewaltschutz fördern. Bei Veranstaltungen wie Christopher-Street-Day-Paraden registrierte die Stelle 102 Vorfälle. Etwa 30 Prozent der Meldungen betrafen digitale Angriffe. Darunter fanden sich Onlinenetzwerke, „in denen explizit Tipps zur Ausübung sexualisierter Gewalt an Frauen ausgetauscht und entsprechendes Bild- und Videomaterial veröffentlicht wird“, heißt es im Bericht. Die Zahl der Meldungen stieg im Vergleich zum Vorjahr deutlich. Zwar sei dies nicht repräsentativ, doch deute es auf eine gestiegene Sensibilisierung für Antifeminismus hin. Der Verein „Lola für Demokratie“ betreibt die Meldestelle, die vom Familienministerium gefördert wird. Antifeminismus definiert die Stelle als politische Ideologie und Strategie, die sich gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie Gleichstellung richtet.

Der Kurzbericht „Antifeministische Zustände in Deutschland 2024“ ist hier zu finden.


Abschlussbericht: UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft

Der Beirat zur UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft präsentiert in seinem Abschlussbericht die Ergebnisse seiner Arbeit. Die Veröffentlichung bündelt zentrale Erkenntnisse und Empfehlungen, die aus Fachgesprächen, Expertisen und Beiratssitzungen im Dialog mit Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Communitys entstanden sind. Im Fokus stehen die Bereiche Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Medien und Repräsentation. Die Empfehlungen zeigen, wie sich Rassismus bekämpfen und die gleichberechtigte Teilhabe Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland verwirklichen lässt.

Den Bericht finden Sie hier hier.

 

 

ZUM SEHEN, ZUM HÖREN, ZUM LESEN

Zum Lesen: „Das Sterben der Demokratie“

Demokratien sterben nicht mit einem großen Knall. Sie zerfallen leise, oft so unmerklich, dass viele es nicht bemerken. Der Extremismusexperte Peter R. Neumann und der Journalist Richard C. Schneider zeigen in ihrem neuen Buch „Das Sterben der Demokratie“ wie der Parlamentarismus von innen erodiert – und warum Rechtspopulisten dabei so erfolgreich sind. Dabei betrachten die Autoren vor allem die Niederlande, Ungarn, Frankreich, Italien und die USA. Sie finden bemerkenswerte Gemeinsamkeiten der Bewegungen, die sich als Retter der Demokratie inszenieren und zugleich diese liberale Staatsform unterminieren und verächtlich machen.

Dabei nutzen sie die Freiheiten der Demokratie, um ihre „Wahrheit“ in die Köpfe der Wähler zu hämmern: gegen Migration, gegen die vermeintlichen „Eliten“, für einen autoritär regierten Nationalstaat, in dem die freiheitliche Rechtsordnung schrittweise verschwindet. Minderheiten stilisieren sie zu Feindbildern, über soziale Medien verbreiten sie Verschwörungstheorien.

Peter R. Neumann, Richard C. Schneider: „Das Sterben der Demokratie“. Rowohlt Berlin, Berlin 2025, 24 Euro.


Zum Sehen: „Soldaten des Lichts“

In ihrem Dokumentarfilm „Soldaten des Lichts“ tauchen die Regisseure Julian Vogel und Johannes Büttner in die Welt der „Wunderheiler“ ein. Sie begegnen Influencern, Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Pseudowissenschaftlern, die mit Untergangsszenarien, bizarren Weltbildern und Geschichten über dunkle Mächte ihre Anhänger dazu bringen, angeblich heilende Produkte zu kaufen. Eine Reise durch alternative Wahrheiten – und die lukrativen Geschäfte dahinter.

https://www.woodwaterfilms.com/de/projekte/soldaten-des-lichts.html


Zum Hören: Wie geht Streitstreitkultur?

Klimakrise, Nahostkonflikt, Migrationspolitik – überall wird diskutiert: im Netz, am Küchentisch, auf der politischen Bühne. Doch oft fehlt es an Konstruktivität. Haben wir verlernt, einander zuzuhören und die Sicht des Gegenübers zu respektieren? Welche Rolle spielen dabei soziale Medien und persönliche Gespräche? Wie gelingt eine Debatte, die Verständigung sucht? Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung geht diesen Fragen nach. Zu Gast sind der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und, mit Blick auf den Nahostkonflikt, die Politikwissenschaftlerin Saba-Nur Cheema.

Zum Nachhören: Der Link zum APuZ-Podcast

 

VIER FRAGEN AN ...

 … Harald Maas von der Partnerschaft für Demokratie Göppingen

In unserer Rubrik „Vier Fragen an …“ stellen Träger und Partner des Demokratiezentrums Baden-Württemberg ihre Arbeit vor. In dieser Ausgabe: Harald Maas von der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen.

DZBW: Herr Maas, Sie sind die Bereichsleitung für Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit in der Region Ulm/Ostwürttemberg der Bruderhaus Diakonie und verantworten die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen. Welche Herausforderungen prägen Ihre Arbeit derzeit?

Maas: Zum einen beschäftigt uns natürlich die Anfang 2025 gestartete neue Förderperiode des Bundesprogramms mit den administrativen Änderungen, die diese mitgebracht hat. Und zum anderen wollen wir natürlich auch dem großen praktischen Bedarf in diesem Themenfeld gerecht werden. Wir haben eine riesige Nachfrage an fachlicher Beratung und Expertise rund um die Themen Extremismusprävention und Demokratieförderung, bekommen ganz viele Projektideen und Fragen rund um die Projektförderung und auch Kooperationsanfragen. Das Thema brennt vielen Menschen unter den Nägeln.

Wenn Sie mich als Bereichsleitung in der Jugend(-sozial)arbeit fragen: Eine der großen Herausforderungen der nächsten Zeit wird schon sein, wie sich dieser Bereich – ja unser ganzes Sozialsystem – vor dem Hintergrund knapper werdender Mittel der öffentlichen Haushalte entwickeln wird. Und ich erwähne das vor allem deswegen, weil ich auch einen starken Zusammenhang zum Thema Demokratie sehe. Ich habe die große Befürchtung, dass hier die nächste große Zerreißprobe für unsere demokratische Gesellschaft auf uns zukommt. Es gibt sehr eindeutige Studien, die z.B. bei Jugendlichen den Zusammenhang zwischen individueller Vereinsamung und extremistischen Tendenzen herstellen. Ein Kahlschlag im Bereich der Jugendhilfe hätte fatale Folgen.

DZBW: Seit fast 20 Jahren begleiten Sie die diversen Bundesprogramme zur Demokratieförderung; seit zehn sind Sie für die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Göppingen zuständig. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Maas: Ich glaube, dass wir vor zehn bis 15 Jahren noch wesentlich mehr über lokale Problemlagen gesprochen haben. In Göppingen zum Beispiel über zwar kleine, aber nicht minder gefährliche rechtsextremistische Gruppierungen mit durchaus großen Auswirkungen auf das gesellschaftliche und politische Klima in der Stadt. Heute reden wir viel mehr über überregionale, ja globale Entwicklungen und Krisen und das, was sie mit unserer Gesellschaft insgesamt machen. Damals wie heute gilt aber, dass wir nicht nur reagieren dürfen, sondern proaktiv eine Strategie brauchen: Wie gestalten wir eine Gesellschaft in Vielfalt auf der Basis gemeinsam geteilter Werte? Wie schaffen wir es, Menschen für Demokratie zu begeistern und zum Mitmachen anzuregen? Und wie halten wir die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Wachsamkeit hoch, wenn unsere demokratische Gesellschaft und unsere gemeinsamen Werte in Frage gestellt werden und gefährdet sind?

Positiv verändert hat sich übrigens das öffentliche Bewusstsein und Engagement für Demokratie: Je schneller eine Krise der nächsten folgt und je vehementer versucht wird, demokratie- und menschenfeindliche Narrative zu normalisieren, umso aktiver wird auch die Zivilgesellschaft quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Das macht schon auch Mut.

DZBW: Worauf sind Sie besonders stolz?

Maas: Das ist einfach! Wir haben Ende 2024 einmal ausgewertet, was im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie in Göppingen seit 2015 alles umgesetzt wurde. Dabei sind bemerkenswerte Zahlen herausgekommen. In fast 200 Projekten und Einzelmaßnahmen wurden über 35.000 Menschen erreicht. Und das – meiner Meinung nach die wichtigste Zahl – von 54 unterschiedlichen Projektträgerinnen und -trägern aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Das zeigt wie breit aufgestellt und vielfältig das Netzwerk rund um das Thema Demokratie in Göppingen ist. Und es wird beständig immer größer. Darauf bin ich schon stolz – aber was noch viel wichtiger ist: Es zeigt, dass die Arbeit der Partnerschaften für Demokratien wirkt und Früchte trägt und für die Zukunft gut aufgestellt ist.

DZBW: Sie sind auch Sprecher der 25 Partnerschaften für Demokratie in Baden-Württemberg. Welchen Wunsch, welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Maas: Ich weiß, dass ich für wahrscheinlich alle Kolleginnen und Kollegen in den Partnerschaften spreche, wenn ich mir vor allem mehr Kontinuität, Verlässlichkeit und Planbarkeit in den Finanzierungsstrukturen der Partnerschaften für Demokratie wünsche. Uns wurde zwar eine achtjährige Förderperiode in Aussicht gestellt und daranhält – nach allem, was wir hören – auch die neue Bundesregierung fest. Das zeigt, wie wichtig das Thema auch politisch gesehen wird und wieviel Wertschätzung der Arbeit im Bundesprogramm entgegengebracht wird. Aber praktisch haben wir halt doch wieder jährliche Antragsfristen und keinerlei Gewissheit, dass es die Partnerschaften am 01.01.2026 noch gibt. Manche Kollegin und mancher Kollege in den Koordinierungs- und Fachstellen setzt sich gerade damit auseinander, dass sie oder er sich zeitnah wird arbeitssuchend melden müssen, weil es aktuell weder verlässliche Fristen für die Antragsstellung gibt, geschweige denn einen Zeitplan, wann mit einer Förderzusage durch den Bund zu rechnen ist. In diesem Zusammenhang würde wir uns natürlich auch darüber freuen, wenn das Land über die Arbeit des DZBW hinaus, noch stärker in die Demokratieförderung investiert.

Kontakt: Die 25 kommunalen Partnerschaften für Demokratie in Baden-Württemberg finden Sie hier.